An der Ostausfahrt der Stadt, in der Siegfriedstrasse 198, steht ein Haus, bekannt als „Ostbahnhof“. Fast täglich fahre ich an ihm vorbei – alte Bruchbude, mit hässlichen Wänden in Farbe, die vor vielen Jahren vermutlich gelb war. Ich habe das Haus vor 18 Jahren kennengelernt, als ich am Anfang meiner Arbeit dort zu einer alten Patientin musste. Ich kann mich bis heute an das schreckliche Gefühl erinnern, schiefe, schmutzige Treppen, quietschende, verkratzte Tür, die sich nicht schließen lies, kleine Fenster mit angerissenen Gardinen, dunkel und dreckig. Damals war daneben ein zweites ähnliches Haus.
Man hat dort die Obdachlosen und die, die kurz davor standen, untergebracht. Die letzte soziale Station. Jede Stadt hat solche Orte, selten ein Grund zum Stolz.
Heppenheim hat seit Jahren ein neues Haus und ich war überzeugt, dass dieses leer steht. Und wunderte mich, warum es nicht abgerissen wird. Jetzt habe ich in der Zeitung (Starkenburger Echo, 3.12.08) gelesen: das Haus steht unter Denkmalschutz, es wurde nach dem ersten Weltkrieg gebaut, als Unterkunft für kinderreiche und arme Familien, also erster Sozialwohnungsbau, es gehörte zum Komplex aus mehreren Häusern, die in den siebziger Jahren abgerissen wurden. Anfangs dienten alte Eisenbahnwagons als Obdach, daher im Volksmund – „Ostbahnhof“. Erstaunt hat mich die Information, dass letztes Jahr dort noch sechs Leute gewohnt haben. Und gestern habe ich in einem Fenster Licht gesehen.
Das Haus wird jetzt doch abgerissen und damit wird ein Kapitel der Geschichte von Heppenheim zu Ende gehen. Und der Letzte macht das Licht aus.
Am Anfang meiner Arbeit habe ich auch anderes Haus kennengelernt, bekannt als die „Willa Sonnenschein“. Das war eine Baracke mit zwei Ebenen, in der acht Familien (glaube ich) gewohnt haben, zwei davon schon in der nächsten Generation. Der Hof war immer voll vom Sperr- und Müll.
Als ich dort das erste mal gehen sollte, habe ich meinen Dienstkalender unter den Arm genommen, im weißen Kittel und mit dem Kalender habe ich mich sicherer und amtlich gefühlt. Unnötig, den die Patientin war eine sehr einfache Frau, aber nett und die Wohnung war recht sauber. Sie hat sich nur beschwert, dass die Küche dunkel ist, weil die Brennnesseln das Fenster halb zuwachsen. Warum schneidet sie sie nicht ab? Weil es Sache der Stadt ist…
Ich bin dort noch paar Jahre gegangen, in der Zeit habe ich auch noch andere Wohnungen besucht, nicht mehr so ordentlich. Aber alle waren furchtbar mit jeglichem Mobiliar zugestellt und sehr (!!) viele Videokassetten und volle Aschenbecher waren da. An Stelle der „Willa Sonnenschein“ steht heute ein schönes gepflegtes Reihenhaus. Aber es war auch ein Teil der Geschichte.
Über die Jahre der Arbeit bin ich auch in viele alte Häuser in der Altstadt gegangen, die den Atem gestockt haben. Heute gibt es immer weniger davon. Die alten Leute verlassen die Häuser und die Erben und neuen Eigentümer stecken viel Geld und Liebe rein und richten daraus schicke Vorzeige-Pralinen der Stadt. Über manches von diesen Häuser, die heute bewundert werden, könnte ich paar Geschichten erzählen. Vielleicht sollte man sie aufschreiben, bevor sie vergessen werden.
Das ist mein persönliches Wissen über die lebendige Geschichte der Stadt.