Letzte Tage waren trocken, sonnig und kalt, sogar frostig. Sternenhimmel, Venus, Orion, Mond wie abgeschnittener Fingernagel und tagsüber nur strahlendes Blau und stechende Sonne.
Aber heute um 6:00 waren minus 6,5 Grad. Unser erster Gedanke war: es wurde sicher gelesen. Radio hat unsere Vermutung bestätigt, heute nachts war die Weinlese für den Eiswein.
Ich habe schon mal geschrieben, dass ein Teil der Weintrauben, unter Abdeckung, an den Stöcken bleibt und wartet… auf minus 7 Grad. Dann rückt die Lesemannschaft, nachts, notfalls mit Lämpchen, in die Weinberge aus. Die gefrorenen Trauben werden für eine Rarität gelesen, für den Eiswein, der mindestens 127 Öchsle haben muss und gehört in die obere Liga der Preisklasse. Eine 0,33L – Flasche kostet ab 25€, nach oben sind die Zahlen offen.
Unsere erste Begegnung mit dem Eiswein war eher ein lustiger (kommt darauf an, für wenn) Zufall. Vor ca 18 Jahren, haben wir von unserem Nachbar am 24.12. einen Wein bekommen. Wir haben ihn unter den Weihnachtsbaum gestellt, haben uns unterhalten, unser Geschenk gegeben und sind, mit besten Weihnachtswünschen, auseinander gegangen. Später ist der Nachbar wieder gekommen und hat wieder eine Flasche in der Hand gehabt. Jurek hat sie freudig entgegengenommen und wieder unter den Baum gestellt, gegen meine Verwunderung: „wir haben doch schon Wein bekommen“ (?). Abends, nach dem Essen, haben wir eine Flasche geöffnet, bohhh, war der Wein gut, süffig ist er unsere Kehlen abgegangen. Wir haben noch nie solchen Wein getrunken. Paar Tage später, Gespräch im Flur: „Mensch, Oli, der Wein von euch war aber lecker!!!“. „Das weis ich, es war ein Eiswein und den wollten wir selbst zum Heiligabend trinken. Ich wollte ja nur bisschen angeben und euch zeigen, was wir trinken werden“. Haha. Wir haben sieben Jahre zusammengewohnt und sind noch viele male zu diesem Heiligabend zurückgekommen. Und wir wissen seitdem, dass der Eiswein verdammt gut schmeckt. Das war das einzige mal, dass wir eine ganze Flasche Eiswein (0,5L) in der Hand (und im Magen) hatten.
P.S. An der Gießenerstr.4 blühen Schneeglöckchen. Dieselben, die ich schon letztes Jahr, Mitte Januar, fotografiert habe.
Heutige Zeitung: gestern hat man aus dem Riesling 280 Liter gepresst, aber „nur“ mit 128 Öchsle. Jetzt warten die Winzer auf die nächste frostige Nacht um den Spätburgunder in der Stemmler-Lage zu lesen. Da sind mehr Öchsle zu erwarten. Gestern haben 18 Helfer die Aufgabe in einer Stunde geschafft.
Am Silvestermorgen wurde der Spätburgunder gelesen, bei minus 9,5 Grad, 250 Liter, mit 148 Öchsle. Es ist ein „Blanc de Noir“, also ein weiß gekelterter Rotwein. Durch das Gefrieren bleiben die Farbstoffe in der Schale.
Gestern wurde letzter Eiswein gelesen, mit 252 Öchsle! Mehr kannst du im neuen Eintrag „Rekordeiswein“ lesen.